CALL — DIVA Welt wirft, wie man versucht, diese Komplexität der Welt zu durchdringen, um ein zutiefst humanistisches Weltbild zu finden, nicht, wie es ja heute oft üblich ist am Theater, einen zynischen Zugang zum Menschen. Sondern den Menschen in all seinen Fehlern und in all seinem Scheitern, wovon ja jedes Stück handelt, versu- chen zu verstehen. Diese Art von Arbeitsethos, die da vorherrschte, und Disziplin, das war schon sehr, sehr toll. Wie hat sich die Art, Thea- ter zu machen, in den letz- ten 25 Jahren verändert? Es hat heute eine andere Dra- matik. Es fing an mit Textflä- chen, die ganze Postdrama- tik. Dann trat das Phänomen Castorf an der Volksbühne auf, mit dieser eigenen Ästhetik, mit der anderen Art zu spielen, eben kraftvolles Theater. Dass man sich an die Rampe stellt und nach vorne spielt, das wurde jetzt exzessiv die letzten zwanzig Jahre mal durchbuchstabiert. Wir müssen nur die Zeitung aufschlagen: Es hat sich ja nichts geändert zwischen den Menschen, Eifersucht, Morde, Kriege. Es gab schon die Tendenz, sich darüber zu erheben. Liebe oder Eifersucht? Gibt es ja nicht. Darüber machen wir uns mal lustig. Aber dass das Leben an sich etwas durchaus Unheim- liches ist, wo man sich fragt: Wieso muss ich eigentlich scheitern? Wieso werde ich betrogen? Wieso verliere ich meinen Arbeitsplatz? Das sind ja alles ernstzunehmende Sachen. Wenn man immer über den Dingen steht, kann man irgendwann kein Thea- ter mehr machen. Wir sind so aktuell wie die Art und Weise, wie wir die Stoffe erzählen. Sie sind Salzburg, wo Sie diesen Sommer wieder gespielt haben, seit 1992 verbunden, als noch Mor- tiers Ära mit Peter Stein als Schauspielchef war. Wie hat sich Salzburg seitdem verändert? Die Festspiele haben sich natürlich verändert, die gan- zen Bedingungen haben sich verändert. Mortier stand damals für einen radikalen Aufbruch. Es war eine große Zeit, man muss es einfach sagen. Es war eine große Opernzeit, es war eine große Schauspielzeit, eine Hochzeit, würde ich mal behaupten. Dann kamen andere Mechanismen, es fingen Co-Produktionen an. Das verändert natürlich die Art, den Charakter, wie man Besetzungen macht, wie man Bühnenbilder macht. Dann wurde halt irgendwann die Buhlschaft im „Jedermann“ an mich herangetragen, da wollte ich eigentlich schon wieder aus Salzburg weg, dann doch noch mal zurück für diese Sache, dann wieder weg. Das war, mit großen Pausen, eigentlich immer schön und besonders. Ich habe die Rolle der Buhlschaft damals sofort abgesagt, weil ich mich nicht so gesehen habe: „Das bin ich nicht.“ Und dann war ich aber neugierig und habe gefragt: „Wer ist der Jedermann?“ Ulrich Tukur. Da habe ich gesagt: „Die Idee finde ich so bescheuert, das mache ich.“ Und dann hatten wir sehr viel Spaß zu zweit, Uli und ich. Das lebt vom Wechsel. Wir machen das drei Jahre, und dann macht es wieder jemand anders. Nach mir kam Frau Ferres, das war auch gut so. Sie haben mit dem Fern- sehen aufgehört. Seit acht Jahren mache ich, glaube ich, nichts mehr. Acting. Bis auf den Anfang, wo noch irgendwie Leute wie Haneke kamen, waren dann auch nie wieder interessante Angebote dabei, bestenfalls mal eine Episodenfigur im „Tatort“ oder so was. Das ist dann immer so anstrengend, um fünf Uhr abgeholt zu werden. Ich bin irgendwie ein Bühnentier, ich beschäftige Ich habe die Rolle der Buhlschaft in Salzburg gleich abgesagt. Dann erfuhr ich, Ulrich Tukur ist der Jedermann. Die Idee fand ich so bescheuert, da wusste ich: Das mache ich. mich gerne mit Sprache. Jetzt habe ich angefangen, ein bisschen zu inszenieren. Das sind alles Sachen, da kann ich mit meiner Energie besser umgehen. Ich gucke wahn- sinnig gerne Fernsehen und Filme und Kino, aber selber machen ist nicht so meins. Fehlt Ihnen die direkte Reaktion des Publikums? Darum geht es nicht. Es ist mehr so das eigene Tun. Es ist nicht dieses Stückwerk, das finde ich immer ermü- dend beim Drehen, dass man ein bisschen hier was dreht, da was dreht, zwei Minu- ten vielleicht, auch nicht chronologisch, und man weiß eigentlich gar nicht, was man macht. War das eine bewusste Entscheidung? Ja. a) kann ich das nicht gut, b) waren das immer langwei- lige Angebote. Ich habe das auch nie gelernt, heute lernen die Schauspielschüler Camera Es gibt immer wieder Diskussionen – völlig zu Recht – über die schlech- tere Bezahlung von Schau- spielerinnen. Wissen Sie zum Beispiel, was Michael Maertens in „Die letzten Angst ist ein Mittel zur Macht. Indem man Leute verunsichert, sind sie leichter zu gängeln. Das ist ein ganz perfides, altes Muster. Ja, das glaube ich schon, das wird auch ganz bewusst geschürt. Angst ist ein Mittel zur Macht. Indem man Leute verunsichert, sind sie leichter zu gängeln. Angst schwächt die Leute, in der Angst sucht man Schutz in Form von Ant- worten durch starke Persön- lichkeiten. Ein ganz simples, perfides Muster. Zölle, dann wieder doch nicht Zölle, Zuckerbrot und Peitsche, um das Gefüge auseinanderzurei- ßen. Weil wenn Leute Angst um ihren Arbeitsplatz haben, machen sie das Maul nicht auf. Das ist einfach ein ganz perfides, altes Muster. Warum sind Sie Schau- spielerin geworden? Keiner von uns weiß, weshalb man das wird. Irgendein Drang dazu war da. Bei mir war es ganz stark die Litera- tur. Ich habe schon als Kind viel gelesen. Und dann habe ich getanzt eine Zeit lang, so kam das Gefühl für den Kör- per dazu. Und dann hat sich das irgendwie kanalisiert. Dieser Darstellungsdrang, den jedes Kind hat, hat bei mir einfach nicht aufgehört und ich hoffe, dass das auch bis zu meinem Tod so bleibt. „ „ Sie haben eine rasante Karriere gemacht: Mit zweiundzwanzig waren Sie bereits in Berlin an der Schaubühne und haben mit Peter Stein, später mit Luc Bondy gearbeitet. Es war ihre Art zu arbeiten, die faszinierend war: Was für einen Blick man auf die 30 CALL 03-04 — 2025