Sind Sie Optimist? Oft genug bin ich davon überrascht, wie positiv die Veränderungen sind und hätte sie auch oft nicht so erwar- tet. Die Optimisten hatten Recht. Und ich denke, das sollte uns Grund geben, unsere eigene Einstellung zur Zukunft zu hinterfragen. Ob wir vielleicht häufig zu sehr das Negative erwarten und zu selten sehen, wie wirklich schwierige Probleme gelöst worden sind in der Ver- gangenheit. Was hat uns die Pandemie gelehrt? Dass wir Probleme haben und die Prob- leme lösen können. Alle Epidemiologen haben davor gewarnt, dass das Risiko für eine Pandemie groß ist. Jetzt sollten wir das alle eingesehen haben und ich denke, jetzt geht es darum, Maßnah- men zu ergreifen, die uns davor schüt- zen, dass wir wieder in so eine Pande- mie geraten, weil das Risiko bleibt groß. Sie analysieren mit „Our World in Data“, einer Plattform, die Daten sammelt, analysiert und publiziert, seit 2011 Millionen von Daten. Wie sieht Ihre Hitliste nach Problemfeldern aus? Das größte Problem ist globale Armut. Dass die Tatsache da ist, dass 85 Pro- zent, die bei Weitem größte Mehrheit der Menschheit, von weniger als 30 Dol- lar am Tag lebt, kaufkraftbereinigt, so- dass es die Kaufkraft hat wie in den USA. Das ist so ungefähr die Armutsgrenze, die in europäischen Ländern gilt. Und ein ganz großer Teil dieser Menschen, viele Milliarden, leben weit darunter. Der zweite große Fokus für mich sind Risiken, die in der Zukunft liegen, wie eine neuerliche Pandemie, synthetische Krankheitserreger für Infektionskrank- heiten, Kriege, möglicherweise auch von künstlicher Intelligenz. Jedes Jahr sterben mehr als fünf Millionen Kinder unter fünf Jahren. Die riesige Kinder- sterblichkeit, das sind 14.000 Kinder, die jeden Tag sterben. Diese Probleme sind zu einem großen Teil Probleme der Armut. Wenn wir bei der Armut Fortschritte erreichen, dann erreichen wir auch Fortschritte in vielen anderen wichtigen Aspekten des Lebens. Wie sehen Sie die Medizinrevolution? Der Mensch wird immer älter, 120 Lebensjahre scheinen möglich, Krank heiten wie Krebs könnten à la longue zu einer chronischen Krankheit wer den, die Menschheit wird in abseh barer Zeit 10 Milliarden erreichen. Dass die Bevölkerung noch immer schnell wächst, ist richtig, aber das rasante Bevölkerungswachstum liegt hinter uns. Die Weltbevölkerung 1950 war knapp über zwei Milliarden und wir sind jetzt bei über acht. Wir haben eine Vervierfachung über die Lebenszeit von vielen Menschen heute erlebt. Und dieses vielfache Bevölkerungswachs- tum, das wir hinter uns haben, das liegt nicht vor uns. Wir werden wahrschein- lich die zehn Milliarden erreichen, wie Sie sagen, aber dann wird das Bevölke- rungswachstum zu Ende gehen. In vie- len Ländern ist es auch schon zu Ende gegangen. Also in der Hinsicht, denke ich, liegt die schwerere Zeit hinter uns. Führende Universitäten wie Harvard, aber auch Organisationen wie die WHO arbeiten mit Ihren Daten. Nach der Pandemie kamen rund 100 Mil lionen Menschen pro Jahr auf Ihre Website. „Das Bevölkerungswachstum wird bei 10 Milliarden Menschen zu Ende gehen. In dieser Hinsicht liegen die schweren Zeiten hinter uns.“ 40