Und das haben leider immer wieder große Führer gemacht. DM: Heute morgen beim Film, als die Lichter angingen, habe ich die Emotionen der Leute beobachten können. Ich glaube, das ist, wieso das Kino heute noch so fesselnd ist. Man teilt Emotionen mit anderen Menschen in einem großen Saal. Und wenn Reinhold dann auch noch im Publikum sitzt, ist das noch mal emotionaler für den Zuschauer. Und das macht das CALL Film Festival hier so besonders, weil man den Protagonisten Reinhold Mess- ner einfach treffen und auch mit ihm zusammen seinen Film anschauen kann. Das ist großartig. Herr Hirschbiegel, wenn Sie jetzt Reinhold Messner als Filmfigur betrachten würden, was macht ihn aus Sicht eines Regisseurs so besonders spannend? OH: Was gibt es Besseres als eine filmische Figur, die ein konzentrierter Abenteurer ist? Sie schreit danach, auf der Leinwand zu agieren. Herr Messner, Sie haben mal gesagt, Sie haben eigentlich vor nichts mehr Angst. RM: Ich hoffe, dass ich es ge- schafft habe, ohne Bedauern auf das Ende zu schauen. Und ich versuche mit Diane jetzt zusammen in einem neuen Buch, „Lebenszeit“ – der Titel kommt im Herbst – radikal, offen, ehrlich zu erzählen, wie ich mich langsam dem Ende nähere. Das ist ein Experi- ment bzw. eine Erzählung von der letzten Expedition, und das kann man später lesen wie sich das bis dahin entwickelt. Das Bild des Verschwindens ist schon gezeichnet, in meinem Kopf natürlich. Und auch schon geschrieben. Und Sie gehen das mit großem Frieden an? RM: Ja, ich versuche, es mit Frieden anzugehen. Auch ich habe meine Krisen. Und ab und zu frage ich mich, wie ich es geschafft habe, überhaupt über das Thema zu reden und es zuzulassen öffentlich zu machen. Aber ich mache es öffentlich, weil ich sehe, dass viele Menschen den Tod einfach vor sich her schieben. Wobei der Tod gar nicht das Problem ist, sondern das Sterben. Und das noch größere Problem ist das Altern. Das Altern als Prozess. Und das habe ich gleich zu ertragen wie alle anderen Menschen auch. Ich bin nicht unsterblich, weil ich einmal bei minus 40 Grad eine Nacht durchgestanden habe. Ich bin sterblich wie alle ande- ren auch, habe die gleichen Probleme mit dem Altern. Dieser Prozess nämlich ist ein galoppierender Prozess und ich versuche eben ohne Be- dauern, damit zurechtzukom- men. Ob ich bis zum allerletz- ten Moment das durchstehe und auch bereit bin, bis zum allerletzten Moment meine Erfahrungen dazu und Emo- tionen herzugeben, ist noch nicht ausgesprochen. Das erfordert auch großen Mut von Ihnen, diesen Weg zu begleiten, Frau Messner. DM: Ja, meine Gedanken sind eine Sache. Aber wenn Menschen darüber reden wie wir jetzt hier in dieser Talkrunde, dann ist das noch mal intensiver und präsenter da. Wie Reinhold sagt, das Altern merken wir natürlich. Und es geht dann auch immer schneller und er wird langsa- mer. Ich muss auf ihn warten. Ich muss ihm seine verlegten Sachen nachreichen. Und dann wird mir aber im nächs- ten Moment bewusst, dass mir das irgendwann fehlen wird, ihm die Brille noch mal zu reichen. Das ist der Punkt. Und das ist mir bewusst. Und deshalb der Wert der Vergänglichkeit, wenn dir das bewusst ist, wenn du einen Partner hast, der so viel älter ist. Ich habe die Zeit, mich zu verabschieden. Und dafür bin ich dankbar. Das war ein wunderbarer Abschluss, herzlichen Dank. auf seiner letzten Expedition ist, aber ich sehr damit hade- re. Natürlich, weil mir die Zeit fehlen wird. Und irgendwie möchte ich noch so viel mit ihm erleben. Aber diese Ver- gänglichkeit hat auch einen Wert, und zwar den Wert, dass wir einander einfach viel intensiver wahrnehmen. Wir zählen eigentlich nicht die Zeit oder die Stunden, wir zählen die Erlebnisse, Umarmungen und Küsse. Das ist unsere Welt. Herr Messner, was lernt man denn in Extremsitu- ationen, in denen Sie sich befunden haben, über Menschen? RM: In uns steckt der Ins- tinkt, dass wir viel mehr an Fähigkeiten haben, wenn wir absolut gefordert sind, als wir landläufig meinen. Der Instinkt ist nur greifbar, wenn wir ihn auch fordern. Also nur wenn wir an die Grenzen gehen, können wir diesen Ins- tinkt spüren und entwickeln. Sie sind hier bei der Premie- re des CALL Film Festivals. Wie wichtig ist es, etwas Neues zu wagen. Sie drehen eigene Filme erst seit eini- gen Jahren? RM: Eigene Filme mache ich erst seit sechs, sieben Jahren. „Still Alive“ war der erste Film, wo ich Regie führen durfte, habe ihn allerdings nicht produziert und musste mich durchsetzen, weil man auch versucht hat, mir hinein- 05 Ich bin nicht un- sterblich, weil ich einmal bei mi- nus 40 Grad eine Nacht durchge- standen habe. Ich bin sterblich wie alle auch. zureden. Und wenn ich mich nicht durchgesetzt hätte, hätte ich wahrscheinlich das Ganze nie mehr weiterge- macht. Und dann habe ich mir gesagt: Ich versuche, das selber zu produzieren, auf dass niemand mehr je mir in meine Arbeit einbricht. Bei den Büchern habe ich das früh durchgesetzt. Und wenn ich auf der Bühne erzähle, dann bin ich sowieso frei. Ich habe in Mailand Vorträge gemacht vor 10.000 Leuten. Das ist ge- fährlich. Ich habe mir Gedan- ken gemacht, wie bestimmte Menschen in der Historie der Menschheitsgeschichte in der Lage waren, große, große Menschenmengen zu beein- flussen, wie sie wollten. Und das ist mir erst klar geworden, wenn man selbst auf die Büh- ne kommt, 10.000 Leute vor sich hat, die Leute in den Griff kriegt, sie alle auf einen Punkt konzentriert, hört und spürt, dann kann man mit diesen Menschenmengen spielen. 36 34 CALL 01 — 2025 CALL 07 — 2026